4. März 2020

PROF. BERND HARJES – PREDIGT AM 16.02.2020

PROF. BERND HARJES – PREDIGT AM 16.02.2020

Prof. Bernd Harjes

 

Predigt am 16.2.2020 in Hebborn

Hesekiel 2, 1ff.

 

21 der sagte zu mir: »Du Mensch, steh auf! Ich habe dir etwas zu sagen.«

2 Da kam Geist in mich und stellte mich auf die Füße. Dann hörte ich ihn zu mir sagen: 

3 »Du Mensch, ich sende dich zu den Leuten von Israel. Sie sind ein widerspenstiges Volk, das sich gegen mich auflehnt. So haben es schon ihre Vorfahren getan und sie selbst sind nicht besser. Auch zu den anderen Völkern sende ich dich,  

4 aber vor allem zu diesem frechen und trotzigen Volk. Du sollst zu ihnen sagen: ‚So spricht der HERR, der mächtige Gott …‘  

5 Auch wenn sie widerspenstig bleiben und nicht auf dich hören – sie sollen wenigstens wissen, dass es einen Propheten* bei ihnen gibt.

6 Du Mensch, hab keine Angst vor ihnen und ihren Spottreden! Du wirst unter ihnen leben wie unter Skorpionen, wie mitten im Dorngestrüpp. Aber du brauchst dich nicht vor ihnen zu fürchten.  

7 Sag ihnen die Worte, die ich dir auftrage, ganz gleich, ob sie auf dich hören oder nicht. Du weißt ja, sie sind ein widerspenstiges Volk.

8 Du selbst aber, du Mensch, höre, was ich dir zu sagen habe: Sei nicht trotzig wie dieses widerspenstige Volk! Mach deinen Mund auf und iss, was ich dir gebe!«

9 Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle* hielt. 

10 Als die Rolle geöffnet wurde, sah ich, dass sie auf beiden Seiten mit Klagen, Seufzern und Verzweiflungsschreien vollgeschrieben war.

31 Er sagte zu mir: »Du Mensch, nimm diese Buchrolle und iss sie auf! Dann geh und sprich zu den Leuten von Israel!«

2 Ich öffnete den Mund und er gab mir die Rolle zu essen.  

3 Er sagte: »Du Mensch, verspeise diese Buchrolle, die ich dir gebe! Fülle deinen Magen damit!« Da aß ich die Rolle; in meinem Mund war sie süß wie Honig.

4 Weiter sagte er zu mir: »Du Mensch, geh nun zu den Leuten von Israel und verkünde ihnen die Worte, die ich dir sage.

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

 

Liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit oder stehen Sie gerade in einer Aus-oder Fortbildung? Dann wird Ihnen sicher die folgende Situation bekannt vorkommen. Ein Lehrer unterrichtet in seinem Fach, vielleicht Deutsch oder Mathe, die beiden „beliebtesten“ Fächer. Sie hören zu, aber denken vielleicht: „Was geht mich das an? Wofür soll ich das überhaupt brauchen? Da wird mir was erzählt, was mich überhaupt nicht interessiert.“ Wenn Sie so denken, werden Sie sehr schnell abschalten und überhaupt nicht mehr hinhören, sie sind widerspenstig geworden und auch trotzig.

Um aus dem Nähkästchen zu plaudern, war es bei mir das Fach Deutsch. Deshalb wollte ich Ingenieur werden, dann bräuchte ich nie wieder Aufsätze schreiben.

Aber es gibt da noch ein Problem. Sie wollen sicher nicht sitzenbleiben, gar von der Schule fliegen oder ihre Ausbildung abbrechen. Dazu müssten Sie es allerdings auch in „Deutsch“ irgendwie es schaffen, zumindest eine 4 zu erreichen. Und Sie wissen im Grunde genommen, dass alles, was gesagt wurde, auch in einer Klassenarbeit vorkommen kann – auch wenn Sie sich widerspenstig, trotzig und desinteressiert verhalten haben. Man kann später nicht behaupten, dieses oder jenes war nicht dran.

Nun kommt es aber vor, dass nach einer Klassenarbeit es nur so vor  5-en hagelt. Was nun? Manchmal sind die Schüler wütend und sinnen sogar auf Repressalien gegen ihren Lehrer. Der Sachverhalt ist aber folgender: Entweder ist der ganze Klassenverband so schlecht oder der Lehrer kann den Stoff nicht rüberbringen. Als Lehrender ist man aber verantwortlich dafür, dass seine Zuhörer weiterkommen und mit einer fünf ist das nicht gegeben. Und eine Klassenarbeit so zu gestalten, dass praktisch nur 1-zen vergeben werden, ist auch keine Lösung. Das mag angenehm für den einzelnen sein, aber es schwingt ja auch ein wenig Ungerechtigkeit gegenüber wirklich guten Schülern mit. Es bleibt dabei, der Lehrer ist verantwortlich für seinen Unterricht und den generellen Erfolg, also dass zumindest für die meisten das nächste Schuljahr oder der Abschluss erreicht wird.

 

Sie, liebe Gemeinde haben in der Lesung vom Propheten Hesekiel, gehört. Damals gab es das Widerspenstige, das Trotzige und eben das Nichthinhörenwollen im Volke Israels, wenn Hesekiel dem Volk etwas zu sagen hatte.

 

Hesekiel war einer der großen Propheten neben Jeremia und Jesaja. Er gehörte zu Priestertum und lebte schließlich verschleppt in Babylon etwa 600 v. Chr.. Sein Volk befand sich also fern der Heimat, an eine Rückkehr war nicht zu denken. Seine Situation hatte sich aber das Volk selbst zuzuschreiben, da es sich von Gott total abgewandt hatte.

Nun hörte Hesekiel Gottes Stimme: »Du Mensch, steh auf! Ich habe dir etwas zu sagen.« Gott sagte zu Ihm: 3 »Du Mensch, ich sende dich zu den Leuten von Israel. Sie sind ein widerspenstiges Volk, das sich gegen mich auflehnt………4… Du sollst zu ihnen sagen: ‚So spricht der HERR, der mächtige Gott …‘  

5 Auch wenn sie widerspenstig bleiben und nicht auf dich hören – sie sollen wenigstens wissen, dass es einen Propheten* bei ihnen gibt. 6 Du Mensch, hab keine Angst vor ihnen und ihren Spottreden! Du wirst unter ihnen leben wie unter Skorpionen, wie mitten im Dorngestrüpp. Aber du brauchst dich nicht vor ihnen zu fürchten.  

7 Sag ihnen die Worte, die ich dir auftrage, ganz gleich, ob sie auf dich hören oder nicht. Du weißt ja, sie sind ein widerspenstiges Volk.

In diesem Wort Gottes kommen unterschwellig all die Verhaltensweisen vor, die ich aus dem schulischen Bereich schilderte.

Da ist man widerspenstig und hört nicht auf das, was gesagt wird. Da ist man aufgebracht gegen den Lehrer und schließlich weiß man als Schüler, dass der Lehrer ja alles Notwendige gesagt hat, ob man hingehört hat oder nicht – bei Hesekiel hört sich das so an: sie sollen wenigstens wissen, dass es einen Propheten* bei ihnen gibt.

 

Hoch interessant ist jedoch die Bemerkung im 7. Vers: Sag ihnen die Worte, die ich dir auftrage, ganz gleich, ob sie auf dich hören oder nicht. Du weißt ja, sie sind ein widerspenstiges Volk. Hesekiel soll Gottes Worte verkündigen, mehr nicht. Er braucht sich nicht darum zu kümmern, ob er gehört oder gar verstanden wird.

Interessant ist deshalb der Vers 7, weil Gott Hesekiel nicht in die Verantwortung nimmt für seine Verkündigung. Ein Lehrer ist verantwortlich für sein Wirken, er muss die Klasse zum Ziel ins nächste Schuljahr oder zum Abschluss bringen. Bei Hesekiel nimmt Gott ihm diese Verantwortung ab, er hat zu verkündigen – mehr nicht.

Dies hat heute eine bemerkenswerte Parallele. In meiner Prädikantenausbildung – übrigens mit hohem Deutschanteil- hieß es, wir sollen uns die größtmögliche Mühe geben beim Verfassen einer Predigt. Wenn dann in der Kirche die Predigt gehalten wird, so ist man hinterher nicht verantwortlich für das, was die Menschen erreicht oder nicht, ob die Menschen gehört haben oder nicht. Das war absolut neu für mich – es war wie eine absolute Befreiung von dem, was ich als Hochschullehrer in meiner Verantwortung kannte. Was aus einer Predigt herausgehört wird, liegt also nicht in meiner Verantwortung, sondern liegt bei Gott.

 

Schaut man noch einmal auf den Predigttext, so fällt auf, dass konkret gar nichts darüber gesagt wird, was Hesekiel eigentlich zu sagen hat. Es heißt zwar: Du sollst zu ihnen sagen: ‚So spricht der HERR, der mächtige Gott …‘  

aber inhaltlich folgt zunächst nichts.

Stattdessen bekommt Hesekiel eine Buchrolle, die er auf Geheiß Gottes zu essen hat. Sie war beidseitig beschrieben mit Klagen, also mit den Versäumnissen des Volkes Israels, beziehungsweise mit göttlichen Gerichtsworten. Hesekiel sollte diese Buchrolle vollständig aufessen. Wenn man sich vorstellt, eine Papierrolle aufzuessen, so wird sie wohl als ungenießbar eingestuft. Das könnte auch Hesekiel gedacht haben, aber die Buchrolle war für ihn so süß wie Honig.

Es gibt eine Erklärung dafür, wenn man das Essen der Buchrolle auch als Gleichnis auffasst. Es geht ja nicht um den Papyrus, sondern um die Botschaft, die auf dem Papyrus stand. Das war Gottes Botschaft. Heutzutage könnten wir meinen, Gottes Worte seien unangenehm, unbekömmlich und äußerst schwere Kost. Aber wenn wir sie zunächst bereitwillig annehmen, das heißt gerne lernen und hören – wie Luther es in seinem kleinen Katechismus sagt- dann stellt man doch fest, dass Gottes Wort „köstlich schmeckt“. damit sind wir in bester Gesellschaft mit dem Psalmbeter des Psalms 119 (103): „Mehr als Honig dem Gaumen schmeichelt, schmeckt mir, Herr, deine Rede“.

Mit der verspeisten Buchrolle soll Hesekiel also Gottes Worte verinnerlichen. Dann sagte Gott zu Hesekiel: »Du Mensch, geh nun zu den Leuten von Israel und verkünde ihnen die Worte, die ich dir sage.

Es ist Hesekiel nicht überlassen, was er zu sagen hat, sondern was er von Gott empfangen hat.

Für uns heute bedeutet dies, dass es uns nicht überlassen ist in Glaubensdingen, eine Wahl zu treffen oder Dinge vorzubringen, die unserem gesunden Menschenverstand entspringen, sondern wir sollen als treue Zeugen das weitergeben, was wir von ihm empfangen haben. Mithin wir orientieren uns an Gottes Wort, beten wie im Vaterunser nach Jesu Wort und wollen in der Nachfolge Jesu stehen. Wir wollen also nicht so reden und handeln, dass wir um jeden Preis vor den anderen gut dastehen, wir wollen nicht so reden, dass man every ones darling ist. Dann folgt man nämlich dem allgemeinen Zeitgeist und bügelt dabei einfach Unangenehmes weg – und das können auch Wahrheiten sein. Gewiss, wenn wir Gottes Wort weitersagen, so haben wir im übertragenen Sinne keine Skorpione im Dorngebüsch zu fürchten, wir leben hier im Gegensatz zu nah- und fernöstlichen Ländern sicher. Aber Spottreden oder abfällige Bemerkungen können uns auch treffen. Sie können uns sogar von liebgewordenen Menschen entfremden – das tut auch weh.

Das Wort Gottes wird also niemals auf ungeteilte begeisterte Zustimmung stoßen {Dr. Martens ff}. Das Wort Gottes hat zu Zeiten Hesekiels wie zu unseren Zeiten immer den unvollkommenen Menschen als Hörer, der es nicht mag, auf seine Sünde angesprochen zu werden. Er mag es nicht, vor Gott sein eigenes Fehlverhalten zu erkennen und zu bekennen. Zum Glück hilft uns unsere Liturgie im Eingangsgebet damit umzugehen.

Aber als Prediger kann man nicht sagen, dass sei alles gar nicht so ernst gemeint. Ein Beispiel füge ich hier aus dem Johannes-Evangelium ein, es ist der Vers 16 im 3. Kapitel: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Das ist eine unumstößliche Wahrheit, die ernst zu nehmen ist. Es gibt eben eine Konfrontation des Hörers mit dem Wirken und dem Willen Gottes. Wenn also das gesagt wird, was die Hörer gerne hören wollen, was sie für nett oder gar applauswürdig hielten, so verfehlt der Prediger seinen Auftrag – ja er nimmt die Hörer im Grunde genommen nicht ernst und Gottes Wahrheit kommt nicht zum Zuge. Also fußen wir auf Gottes Wort der Bibel und bleiben dabei.

 

Nun zum Schluss ein Gedanke, der zur Verantwortung des Predigers passt, die ihm Gott abgenommen hat. Warum soll Hesekiel überhaupt in Gottes Auftrag predigen? Gott kennt doch sein widerspenstiges Volk. Hesekiel soll aber zum Volk gehen mit der Verkündigung von Gottes Wort, weil sich immer wieder das Wunder ereignet, dass Menschen, die von sich aus gar nicht auf Gottes Wort hören wollten, letztlich doch von diesem Wort überwunden worden – so formulierte es der Theologe Dr. Martens.

Heutzutage haben wir es einfacher als zu Hesekiels Zeiten, denn Jesus verkörpert Gottes Wort. Jesus hat im übertragenen Sinn die Buchrolle mit unseren Sünden gegessen und die Vergebung erreicht. Im Abendmahl verinnerlichen wir dankbar diesen Sachverhalt. Wir spüren dort die Stärke Gottes.

Übersetzt man den hebräischen Namen Hesekiel, so heißt das „Gott macht stark“ {Kaschler}.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

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